„Die Handlung ist pure Fantasie, aber keine Spökenkiekerei“ | Teil 1 eines Interviews mit Doggerland-Autor Ulrich Drexler

Bei dem Imprint Rocket Books erscheint in diesen Tagen der erste Roman einer neuen Trilogie unter dem Titel Doggerland – Steigende Wasser. Wir haben uns mit dem Autor Ulrich Drexler zum Interview getroffen und mit ihm über Fakt, Fiktion und Faszination einer untergegangen Welt gesprochen.

BLITZ: Wie kamen Sie auf die Idee des Romans? Hat Sie das Thema schon lange bewegt?

Drexler: Die Idee ist alt und reicht bis in die 1980er Jahre zurück. Ich habe mich damals viel in Nordfriesland herumgetrieben und mich mit Küstenschutz und dem Schutz des Wattenmeers beschäftigt. Ich bin von Haus aus Biologe, da habe ich mich so ein bisschen engagiert und mich dabei in das Thema eingelesen: über die Küste, über ihre Entstehung und und und. So bin ich irgendwie auf dieses Doggerland gestoßen und habe gedacht, wenn das um die Zeit untergegangen ist, was war dann mit den Menschen, die dort lebten. Der Gedanke hat sich über Jahre hinweg in meinem Kopf eingenistet. Ich probiere in meinem Leben immer gerne mal neue Sachen aus. Als ich dann 56 war, habe ich gedacht, jetzt fängst Du mal an, einen Roman darüber zu schreiben. Und dann habe ich diese Idee so ausgesponnen. Der Witz an der Geschichte ist, dass ich bis zu dem Zeitpunkt immer noch annahm, dass die Insel – das war damals auch der Stand der Forschung – so zwischen 3.000 und 3.500 vor Christus untergegangen ist, inzwischen sagt man, dass es schon 5.000 vor Christus passiert ist. Da gab es wohl einen Tsunami, das hat man nun entdeckt, davon wusste man bisher nichts. Als ich zu schreiben anfing, ging ich also noch davon aus, dass 3.000 vor Christus so die letzte Phase war, in der diese Insel noch existierte. Und das ist eben Jung-Steinzeit, und da habe ich mich über die Jungsteinzeit informiert und habe dann versucht, eine Geschichte zu schreiben, um die damalige Situation darzustellen. So fing das an.

BLITZ: Die Forschung rund um das Doggerland scheint sich größtenteils im angelsächsischen Raum abzuspielen. Ist es wahr, dass es im deutschsprachigen Raum weniger Forschung zu dem Thema gegeben hat?

Drexler: Es hat Forschungen dazu gegeben durch die Ölindustrie. Shell hatte damit angefangen, dort Bodenproben zu machen, weil die sich für Gasfelder in der Nordsee interessierten. Da waren dann wohl gleich ein paar Archäologen dabei. Man hat dann festgestellt, dass es im Doggerland sowas wie Siedlungen gab. Heute kann man davon ausgehen, dass die in Hütten lebten und Jäger und Sammler waren, also nicht so weit entwickelt waren, wie ich das jetzt dargestellt habe, aber das konnte ich eben einfach nicht wissen, als mir die Idee zu dem Roman kam. Das heißt, man muss es jetzt so lesen, dass es eine Geschichte aus dem Zeitraum 3.500 bis 3.000 vor Christus, aus der Jung-Steinzeit, ist, und die Figuren sich auf einer Zivilisationsstufe befinden, die sich am Status Quo im damaligen norddeutschen Raum, England, Niederlande, Deutschland, Dänemark orientiert. Da fing es gerade an mit den Megalithbauten, die haben große Sternwarten gebaut und solche Geschichten, da war also schon richtig was los. Die haben Handel getrieben bis ans Mittelmeer, also Helgoländer Feuerstein war beliebt damals. So war das und darauf fußt jetzt diese Geschichte. Hätte ich damals gewusst, dass Doggerland eigentlich viel früher untergegangen ist, wär wahrscheinlich nichts aus dieser Geschichte geworden, weil die Mittelsteinzeit langweilig ist. (Lacht.)

BLITZ: Sind sie der erste Autor, der sich diesem Gebiet von der fiktionalen Seite aus nähert?

Drexler: Also, ich kenne keinen anderen Roman, der sich mit dem Doggerland beschäftigt. Was damals im Internet kursierte, waren mystische Geschichten über das Atlantis der Nordsee. Diese Ebene liegt mir jetzt nicht so. Ich wollte schon etwas schreiben, was irgendwie möglich gewesen wäre. Und diese Geschichte wäre möglich, zu der Zeit, die ich jetzt beschrieben habe. Das konnten die Leute, das war für sie denkbar und machbar, die Techniken hatten sie. Wenn man heute im Internet nach Doggerland sucht, finden man in erster Linie die neuen Berichte über den Untergang Doggerlands durch den Tsunami. Da ist in Norwegen eine Gebirgskette ins Meer gerutscht. Wusch! Dann hat es eine Wahnsinnswelle gegeben, und Doggerland war nicht besonders hoch, die hatten lediglich Hügel, keine Berge. Dann ist das Meer einmal über die Insel, die zu dem Zeitpunkt so die Größe von Belgien hatte, und hat sie wohl so auseinandergerissen, dass nur kleine Inseln übriggeblieben sind, so schärenartig. Mit Jagen und Sammeln sieht es auf so kleinen Inseln aber eher schlecht aus, daher kann man davon ausgehen, dass die Doggerländer damals zusammen mit ihrem Land untergegangen sind. Das ist ein bisschen traurig, aber diese negative Variante der Geschichte scheint sich zu bewahrheiten.

BLITZ: Sie haben sich also seit den 1980ern für das Doggerland interessiert. Wann haben Sie konkret mit der Arbeit an dem Roman begonnen?

Drexler: Im Jahr 2006 hatte ich ein Sabbatjahr und was macht man mit so einem Sabbatjahr? Ich bin erstmal nach Frankreich gefahren. Ich habe dort ein Dreivierteljahr in einem Dorf gelebt und gedacht: Nimmst du mal was zu schreiben mit. Ich hab eigentlich überhaupt kein Konzept gehabt, nur ganz grob: Da ist die Insel und die steht kurz vor ihrem Untergang, aber das alleine reicht ja nicht, da muss noch etwas sein, was irgendwie Zunder macht. Da muss jetzt eine Bedrohung von außen kommen, mehr will ich darüber gar nicht sagen, um nicht zu viel zu verraten. Und dann muss es ein Muster geben, dabei habe ich ehrlich gesagt etwas bei Der Herr der Ringe geklaut. Also nicht vom Inhalt her, sondern vom Aufbau. Da muss es Leute geben, die eine Aufgabe zu erledigen haben. Und am besten gibt es mehrere, die immer versetzt miteinander agieren und irgendwann auch mal wieder zusammenkommen.

BLITZ: Und wie ging das Schreiben dann voran?

Drexler: Zuerst hatte ich nur so ein grobes Gerüst. Ich hab mir so ein paar Personen überlegt, und dann angefangen. Wie können die auseinander und wieder zusammenkommen? Dann habe ich eine Übersichtskarte gezeichnet. Das war nur eine grobe Skizze. Die Karte, die es ins Buch geschafft hat, ist ähnlich aber nicht gleich. Anhand dieser Karte habe ich die Handlung erarbeitet. Ich hatte immer die Karte danebenliegen. Jetzt gehen sie dahin, jetzt passiert das. Und der Rest ist dann eigentlich von selbst gekommen. Ich habe da angefangen, mir eine Geschichte zu erzählen, die ich noch nicht kannte. Dann konnte ich nicht mehr aufhören und dann ist das Ding ziemlich dick geworden. Insgesamt sind es nun 1.200 Druckseiten. Also das werden dann drei Bände à 400 Seiten.

BLITZ: Aber wie geht man ran an so ein Buch. Recherche im klassischen Sinne ist ja schwierig. Da muss ja auch viel Fantasie einfließen, weil man nicht genau wissen kann, wie es damals war, oder kann man sich das doch irgendwie naturhistorisch erschließen, wie es gewesen sein könnte?

Doggerland1
Ulrich Drexler | Doggerland – Steigende Wasser | ISBN 978-3-946502-54-8 | Cover: Regina Kallasch

Drexler: Die Handlung ist natürlich pure Fantasie. Es ist aber keine Spökenkiekerei drin. Also die Schamanen sind ganz normale Leute, die haben keine besonderen Kräfte, zur Not verarschen sie auch mal ihre Mitmenschen. Es sind aber ganz normale Methoden, die die anwenden, die man bis heute finden kann. Ich hab mir erst mal über die Jungsteinzeit Bücher besorgt. Also was weiß man archäologisch über diesen Zeitraum und zwar im Norden. Das ist ja was anderes als unten, im Irak zum Beispiel. Dann hab ich recherchiert, zum Teil anhand von Büchern, zum Teil über das Internet: Was haben die Leute gegessen, wovon haben die gelebt, was haben die für Kleidung gehabt? Wie haben sie die erzeugt? Was für Handwerkszeug hatten die? Wie sind sie damit vorgegangen? Konnten die zum Beispiel schon Seile drehen? Konnten sie, hatten sie schon drauf. Und wie steht es mit Medizin? Wie haben die ihre Leute behandelt? Da gibt es tatsächlich auch Funde drüber, dass die schon Schädelbohrungen gemacht haben, also nicht bei den Ägyptern, das ist schon lange bekannt. Auch im Norden haben die schon Schädel geöffnet. Wenn sich jemand da verletzt hat, haben die die Knochensplitter rausgeholt, zum Teil mit Erfolg. Man sieht das an den Leichen, die man gefunden hat, dass die also nicht nach der Operation gestorben sind, sondern noch weiter gelebt haben. Dann habe ich mir Gedanken über die damalige Fauna gemacht: Hatten die schon Schafe? Da ist mir dann auch mal ein Fehler unterlaufen, den hab ich dann aber wieder revidiert. Ich war davon ausgegangen, dass es schon Kaninchen gab. Stimmt nicht, die haben erst die Wikinger im Norden ausgesetzt. Die gab es zu dem damaligen Zeitpunkt nur in Nordafrika und Spanien. Fand ich schade, ich hielt das für einen gelungenen Braten. Aber nein, die haben Wildkatzen gegessen. Die haben natürlich Versuche gemacht, auch Tiere zu ziehen. Da geh ich jetzt mal von aus, dass irgendein Pfiffikus erkannt hat: Wenn ich die Schafe ziehen kann, kann ich auch Katzen ziehen. Für viele Dinge, die ich mir so überlegt habe, habe ich erst später eine Bestätigung erhalten, zum Beispiel meine Idee einer Technik, wie man auf einem unruhigen Fluss Waren transportieren kann. Ich bin ja auf die Idee gekommen, ein Floß zu bauen, das auf aufgepusteten Tierbälgen schwimmt. Das ist elastisch, das kann auch ruhig mal auf einen Stein treffen. Da dachte ich, da können die auch drauf kommen. Das hab ich dann auch erstmal geschrieben und als ich das Buch schon fast fertig hatte, da hab ich einen Artikel in die Hand bekommen, das es so etwas tatsächlich gab. Allerdings nicht im Norden, aber im Süden. Über diese Methode ist der Handel, ungefähr im gleichen Zeitraum, zwischen dem heutigen Irak und der Südosttürkei über Euphrat und Tigris und die Nebenflüsse gelaufen.

Erfahren Sie im zweiten Teil des Interviews, wie Ulrich Drexler sich die Gesellschaft im Doggerland ausgemalt hat, wie er sich seine Protagonisten erdacht hat, und welche Autoren ihn bei seinem Wirken beeinflusst haben. „Doggerland − Steigende Wasser“ ist bereits im Handel erhältlich und u.a. über den Shop des BLITZ-Verlags zu beziehen.

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