„George R.R. Martin ist ein Tausendsassa“ | Teil 4 eines Interviews mit dem Fanpro-Verleger Werner Fuchs

In den ersten drei Teilen unseres Interviews haben wir den Verleger Werner Fuchs kennengelernt, von seiner Vergangenheit als deutscher Rollenspielpionier und Erfinder des Schwarzen Auges erfahren und von seinen Plänen für die Zukunft, u. a. das Imprint Rocket Books betreffend, gehört.

Wer aber jetzt glaubt, alles über Werner Fuchs zu wissen, soll im vierten Teil eines Besseren belehrt werden, denn diesmal erzählt er uns von einem weiteren spannenden Kapitel seines Lebens: seiner Arbeit als deutscher Literaturagent des amerikanischen Fantastik-Autors George R.R. Martin.

BLITZ: Wir wurden Sie eigentlich der Agent von George R.R. Martin?

Fuchs: Ich war bei Fischer Mit-Herausgeber der Reihe Orbit und das kam so: Wir wurden von einer Lektorin kontaktiert. Die hatte irgendwie eine Freundin eingespannt, um ein Buch zu übersetzen und hat dann eine schreckliche Arbeit vor der Nase gehabt, mit der sie überhaupt nicht zurecht kam. Es war zu viel daran zu tun. Wir haben dann die Übersetzung überarbeitet. Das war ein Roman von Damon Knight, Zweibeiner sehen dich an. Wir haben das Werk zu großen Teilen neu übersetzt und daraufhin das Angebot bekommen, eine ganze Reihe, die mit einem Titel pro Monat erschien, zu gestalten. Daraufhin haben wir kistenweise englischsprachige Romane von Literaturagenten geschickt bekommen. Manche Titel waren interessant, die meisten aber nicht. Fischers Reihe war halt klein und als Absatzmarkt nur zweite Wahl. Wir konnten uns dann aussuchen, was wir machen wollen. Das meiste war aber nicht geeignet. Wir haben uns gesagt: Wenn das Agenturgeschäft so ist, dann können wir (Ronald M. Hahn und ich) das auch. Und da haben wir in der Folgezeit amerikanische Autoren kontaktiert. Dafür sind wir Mitglieder der Science Fiction Writers of America, einer US-Schriftstellervereinigung, geworden. Damals war ich 23 und musste mir neben dem Studium etwas dazuverdienen. Herausgeber, Literaturagent und Übersetzer zu sein, schien mir erstrebenswerter zu sein, als in den Semesterferien am Schraubstock zu stehen oder sonstwie zu jobben. Aus dem Autorenverzeichnis der SFWA kontaktierten wir alle Mitglieder. Wir haben viel rumtelefoniert, das war grauenhaft. Damals gab es noch keine Flatrate, und meine Telefonrechnung hat meine Miete überstiegen. Wir hatten aber ganz guten Erfolg. Wir haben junge Autoren angeschrieben, die noch keinen Roman veröffentlicht hatten, und einer davon war George R.R. Martin. Ich habe dann in der Folgezeit viele Briefe mit ihm gewechselt und wir haben uns über alle anderen möglichen Themen unterhalten. Über Musik, über Schach – er hat Schachturniere organisiert, ich verstand auch ein bisschen was davon, da haben wir gefachsimpelt. Wir haben eben nicht nur übers Geschäft gesprochen. Trotzdem haben wir seine Texte gut verkaufen können – fast alles, was er je geschrieben hatte. Das letzte, was vor seiner Hollywood-Zeit von ihm veröffentlicht wurde, war Armageddon Rock. Der Untertitel lautete Ein Langspielroman in Stereo. Das war einer der ersten Rock’n Roll-Science-Fiction-Romane, und den hat Fantasy Productions 1986 publiziert, bevor wir Battletech und sowas hatten. In einer Phase, in der Fantasy Productions noch relativ klein war. George blieb uns die ganze Zeit als Klient treu, auch als er zehn Jahre keine Bücher geschrieben hat und die Fernsehserien Beauty and the Beast und Twilight Zone betreute. In der Zeit habe ich ihn auch zum ersten Mal getroffen, 1990 in Den Haag habe ich ihn in persona kennengelernt. Nach 16 Jahren Brieffreundschaft haben wir uns erstmals gesehen und ein Bier miteinander getrunken. Danach sind wir uns häufiger begegnet. 1996 war ich drüben in den Staaten, auf der Buchmesse in Chicago. Da kam gerade der erste Band der Das Lied von Eis und Feuer-Saga raus. Ich hab George dort besucht, und sein Verlag hatte ihm da schon einen Thron hingestellt. Der war allerdings noch aus Sperrholz und Pappe. Dort habe ich A Game of Thrones, den Roman, von ihm bekommen, noch vor der Veröffentlichung. Das war also quasi ein Presseexemplar, wenn man so will. Reading Copy. Hab dann auf dem Rückflug die ersten 100 Seiten gelesen …

George R.R. Martin
Beide Fotos von George R.R. Martin © Gage Skidmore

BLITZ: …und haben sich schon gedacht, das könnte der ganz große Wurf sein?

Fuchs: Ja, klar. Der war ja immer gut als Autor und jetzt begibt er sich auf ein Feld, das gerade im Wachsen ist, aus der SF-Welle wurde eine Fantasy-Welle. Man hatte natürlich noch nicht den Erfolg von Jacksons Der Herr der Ringe abgesehen, aber dass es in diese Richtung gehen würde, war klar. Da muss nur der richtige Input und der richtige, wichtige Stoff her, der solche Sachen antreibt. Und dieses Buch war Raketentreibstoff für die Fantasy. Wir haben uns dann 2000 in Deutschland getroffen, da ist er mit mir und meiner Sekretärin durch die Lande gegondelt. Wir besuchten deutsche Sehenswürdigkeiten – vom Pergamon-Museum in Berlin zum Nürnberger Spielzeugmuseum, vom Limesmuseum in Aalen zum Zeppelin-Museum in Friedrichshafen und vom Schloss Neuschwanstein zum Kölner Dom. Wir waren auf den Essener Spieletagen, auf der Frankfurter Buchmesse und, und, und …

BLITZ: Das war für ihn sicher hochspannend.

Fuchs: Natürlich, George war nicht zu bremsen. Bei jeder Ruine mussten wir anhalten und alles inspizieren. Ich hab ihm auch angedroht, dass wir das nochmal machen, und dann gehen wir zu den richtigen Burgen.

BLITZ: Das scheint echt ein interessanter Typ zu sein.

Fuchs: Auf jeden Fall, das ist ein Tausendsassa. Unsere Beziehung geht weit über das hinaus, was ein Klient und ein Agent als Geschäftsbeziehung haben. Wir sind Freunde.

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